24.10.19 Jerusalem: Schalom-Hartmann-Institut, Israelmuseum, Knesset, Yad Vashem
Heute besuchen wir das Schalom-Hartmann-Institut, bzw. die dazugehörende orthodoxe Jungenschule (Jahrgangsstufen 7 - 12), die unser Guide Nathan Landau seinerzeit besucht hat.
In dieser Schule versucht man zu verbinden, was auf den ersten Blick geradezu widersprüchlich erscheinen mag: Den Anspruch, Kinder bewusst orthodox-religiös zu erziehen einerseits. Und dies zugleich in einer dezidiert freien Lernatmosphäre zu tun. Nathan spricht jedenfalls spricht voller Begeisterung und Liebe über seine Alma Mater. Wir sind also sehr gespannt. Nicht nur diejenigen von uns, die selbst Lehrer oder Lehrerin sind.
Auf unserem Weg durch den morgendlich-dichten Verkehr Jerusalems gabeln wir irgendwann, mehr oder weniger zufällig, Benjamin Meir auf, einen Schulkameraden von Nathan. Benjamin ist heute als Lehrer an seiner ehemaligen Schule tätig. Die beiden freuen sich sichtlich, sich wieder zu sehen und plaudern angeregt miteinander.
An der Hartmann-School angekommen, werden wir sehr freundlich begrüßt. Das Schulgebäude macht einen einladenden Eindruck. Kein besonderer "Prunk", aber, ganz klar: Baulich, von der Gebäudeinstandhaltung her, bewegen wir uns hier auf einem anderen, deutlich besseren Niveau, als wir es - leider - von deutschen Schulen gewohnt sind.
Was
für ein Buch ist die hebräische Bibel - was für ein unglaubliches
Geheimnis birgt sie, was für ein unschätzbar kostbares Geschenk ist es,
darin lesen zu dürfen, sie zu studieren und immer besser kennen zu
lernen (obwohl das Gespür dafür, wie unerschöpflich ihr Reichtum ist
zunimmt, je mehr man liest und lernt...).
In unmittelbarer Nähe zum Israel-Museum liegt die Knesset, das Parlamentsgebäude Israels. Hier sind wir zu einem Besuch angemeldet. Knesset bedeutet übersetzt "Versammlung". Dieser Begriff taucht z.B. im Buch Nehemia auf und meint die "große Versammlung" der Ältesten des Volkes.
Nach einem gründlichen Sicherheits-Check werden wir eingelassen. Eine deutschsprachige junge Parlamentsführerin begrüßt uns und versorgt uns mit Audio-Guides. Wir betreten den Plenarsaal und dürfen auf einer Art Pressetribüne Platz nehmen.
Vor allem die Wandteppiche ziehen mich in ihren Bann. So viel Farbe, so
viel Bewegung, so viele Emotionen: Trauer, Freude, Pathos und Zärtlichkeit: Die ganze große
leid- und wundervolle Geschichte des Volkes Israel lässt sich hier
entdecken und nachvollziehen.
In dieser Schule versucht man zu verbinden, was auf den ersten Blick geradezu widersprüchlich erscheinen mag: Den Anspruch, Kinder bewusst orthodox-religiös zu erziehen einerseits. Und dies zugleich in einer dezidiert freien Lernatmosphäre zu tun. Nathan spricht jedenfalls spricht voller Begeisterung und Liebe über seine Alma Mater. Wir sind also sehr gespannt. Nicht nur diejenigen von uns, die selbst Lehrer oder Lehrerin sind.
Auf unserem Weg durch den morgendlich-dichten Verkehr Jerusalems gabeln wir irgendwann, mehr oder weniger zufällig, Benjamin Meir auf, einen Schulkameraden von Nathan. Benjamin ist heute als Lehrer an seiner ehemaligen Schule tätig. Die beiden freuen sich sichtlich, sich wieder zu sehen und plaudern angeregt miteinander.
An der Hartmann-School angekommen, werden wir sehr freundlich begrüßt. Das Schulgebäude macht einen einladenden Eindruck. Kein besonderer "Prunk", aber, ganz klar: Baulich, von der Gebäudeinstandhaltung her, bewegen wir uns hier auf einem anderen, deutlich besseren Niveau, als wir es - leider - von deutschen Schulen gewohnt sind.
Unsere
Gesprächspartner an der Schalom-Hartmann-Schule sind die Lehrer
Yehoshua Drori (links im Bild) und Benjamin Meir (rechts im Bild). Wir
hören zunächst einiges allgemein Wissenswertes über das israelische
Schulsystem. Etwa, dass die Schulen für gewöhnlich in halb-privater,
halb-öffentlicher Trägerschaft stehen. Üblich ist wohl auch, dass
Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet werden.
Zum Hartmann-Institut gehört von daher auch eine Mädchenschule,
die auf dem gleichen Campus liegt wie die Jungenschule. Das monatliche,
von den Eltern aufzubringende Schulgeld liegt im Hartmann-Institut bei
umgerechnet ca. 100 Euro. Insgesamt gehören etwa 400 Schüler zur
Schulgemeinschaft.
Wichtig
für die Schulgemeinschaft seien gemeinsam gepflegten Gebetszeiten und
die religiösen Werte, zu denen auch das soziale Engagement, bzw. die
"Zedeka" gehört. Yehoshua Drori macht uns aufmerksam auf den Unterschied
zwischen dem englischen Begriff "Charity" ("Wohltätigkeit" oder
"Mildtätigkeit") und dem Hebräischen "Zedeka", was mit "Gerechtigkeit"
zu übersetzen ist. Was für ein fundamentaler Unterschied! Der haargenau
so auch in der hebräischen Bibel zu finden ist.
Leider lässt sich dieses Verständnis in unsere deutschen Bibelübersetzungen nicht wirklich wiedergeben. Wenn wir über christliche Nächstenliebe
nachdenken, tun wir gut daran, uns an diese Zusammenhänge zu erinnern.
Aber
zurück zu den sozialen Aktitätiten der Hartmann-School, bzw. zu ihren
konkreten Zedeka-Aktiväten: Yehoschuah Drori erklärt uns, dass man sich
bewusst für Projekte entschieden habe, die im Allgemeinen nicht
gleich auf Beifall stossen würden, z.B. im Bereich der
Straffälligenhilfe.
Zedeka
üben sei im Schulalltag der Hartmann-School nichts Zusätzliches,
nichts, was man irgendwie neben dem eigentlichen Lehrbetrieb auch noch
tut würde. Zedeka üben gehöre nach dem Verständnis des
Hartmann-Instituts vielmehr wesentlich zum Lernprozess dazu. Junge
Menschen würden durch dieses Engagement die Chance bekommen, die
Wirklichkeit wahrzunehmen ("to face reality").
Die
zum Teil ambivalenten, problematischen Erfahrungen, die man in dieser
Form nur am Rand einer Gesellschaft machen könne, würden ausgesprochen
wertvolle Fragen aufwerfen. Fragen, die dann in den verschiedenen
Unterrichtsfächern aufgegriffen und fruchtbar gemacht werden könnten.
Überhaupt: Fragen stellen - Fragen stellen können, das sei ungemein wichtig. Etwas, was dem Judentum seit jeher wertvoll sei.
Lernen
funktioniere immer dann besonders gut, wenn die Schüler sich trauen
würden, ihre Fragen frei und offen zu stellen. Auch was Fragen des
Glaubens und der Religion angehe. Hierfür eine gute Atmosphäre zu
bieten, gehöre zu den wichtigsten Aufgaben für Lehrer und Lehrerinnen.
Das
Ziel der religiösen Erziehung bestehe deshalb auch primär darin, dass
Kinder Mut zur Wahrhaftigkeit entwickeln könnten. Wahrhaftigkeit sei von
unschätzbar hohem Wert, gerade in der Beziehung zu Gott. Wenn ein
Schüler sich beispielsweise für den Atheismus entscheiden würde, könne
man diese Aufrichtigkeit wertschätzen als eine Form, Gott die Ehre zu
geben. Wenn ein Kind nicht mehr glaube, sei dies auf jeden Fall zu
respektieren und zu würdigen. Wohl aber gelte es, dem Kind zu sagen: "Auch,
wenn Du (jetzt) nicht an Gott glaubst: Er liebt dich. Und ich sage Dir:
Er schätzt es, dass Dir Wahrhftigkeit so wichtig ist, dass Du dazu
stehst, dass du - jetzt - nicht glauben kannst."
Sicherlich
gäbe es Eltern, die am Anfang, wenn sie überlegen würden, ihre Kinder
an der Hartmann-School anzumelden, Fragen stellen würden, wie: "Wie viele Kinder sind am Ende ihrer Schulzeit nach wie vor religiös im orthodoxen Sinne?"
Aber von solcher Bewertung halte man sich hier an dieser Schule fern.
Solche Zahlen seien für sie von Trägerseite, bzw. von der Lehrerschaft
her nicht relevant.
"Was macht einen guten Lehrer, eine gute Lehrerin aus?" fragt ein Lehrer aus unserer Gruppe. Yehoshuah Dori antwortet, ohne lange zu überlegen: "Authentizität!"
Auch
noch spannend: An dieser entschieden orthodox- religiös geprägten
Schule gibt es das Fach "Gender". Sowohl an der Jungen-, als auch an der
Mädchenschule. Ein Detail, das belegt, dass diese Schule die
Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit überhaupt nicht scheut,
sondern, ganz im Gegenteil, offensiv angeht.
So viel wäre hier an diesem Ort noch zu fragen, zu berichten, zu entdecken, aber die Zeit drängt.
Sowohl
für Benjamin Meir und Yehoshua Drori, als auch für unsere Gruppe. Auf
die beiden Hartmann-School-Lehrer warten die Schüler. Die schon den Kopf
durch die Tür gesteckt und sich nach dem Verbleib ihrer Lehrer
erkundigt haben.
Und auf uns als Reisegruppe wartet das Israel-Museum.
Das Museum böte jede Menge Stoff für einen ausführlichen Besuch. Aber
weil wir unserem straffen Tagesplan schon jetzt ziemlich hinterher
hinken, beschränkten wir uns auf eine eingehende Besichtigung des
Modells Jerusalems zur Zeit des Zweiten Tempels. Dieses Modell bietet
einen lebendigen Eindruck von der Topographie und
dem baulichen Charakter der Stadt in der Phase unmittelbar vor ihrer
Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 n. Chr.
Ein
Blick auf den Tempel, so wie er zur Zeit Jesu ausgesehen haben wird
(bei allen Unsicherheiten, die Details betreffend. Nicht in allen
Einzelheiten besteht ein Konsens in der entsprechenden Forschung).
Einen - auch wieder leider nur kurzen Besuch statten wir noch dem sogenannten "Schrein des Buches"
ab. Im Zentrum dieser Teils des des Israel-Museums steht die
Präsentation einer Nachbildung der legendären Jesaja-Rolle aus dem 2.
Jahrhundert vor Christus, die 1947 von einem kleinen Beduinenjungen
zufällig in einer Höhle bei Qumran gefunden wurde. Diese Schriftrolle
gibt bis auf minimale Abweichungen den Wortlaut des Jesajabuches in der
ältesten vollständig erhaltenen Bibelhandschrift (Codex Leningradensis)
von 1008 n. Christus wieder. Dieser Fund belegt also die unbedingte
Treue der jüdischen Bibelgelehrten und Bibelkopisten zum Wortlaut der
Heiligen Schrift.
In unmittelbarer Nähe zum Israel-Museum liegt die Knesset, das Parlamentsgebäude Israels. Hier sind wir zu einem Besuch angemeldet. Knesset bedeutet übersetzt "Versammlung". Dieser Begriff taucht z.B. im Buch Nehemia auf und meint die "große Versammlung" der Ältesten des Volkes.
Nach einem gründlichen Sicherheits-Check werden wir eingelassen. Eine deutschsprachige junge Parlamentsführerin begrüßt uns und versorgt uns mit Audio-Guides. Wir betreten den Plenarsaal und dürfen auf einer Art Pressetribüne Platz nehmen.
Zurzeit
ist nicht viel los in der Knesset. Dies ist der aktuellen politischen
Situation geschuldet. Vor zwei Tagen
erst hat Israels Premier Benjamin Netanjahu seinen Versuch aufgegeben,
nach
der Wahl im September eine neue Regierung zu bilden. Sein Mandat
zur Regierungsbildung hat er an Präsident Rivlin zurückgeben. Dieser
hat nun
Nethanjahus Kontrahenten Benny Gantz beauftragt, Gespräche zur
Regierungsbildung zu führen. Es gibt einfach zurzeit keine eindeutigen
Mehrheiten im
Parlament. Eine politisch höchst unbefriedigende Situation für alle
Beteiligten. Zumal das israelische Volk im September schon zum
zweiten Mal innerhalb eines Jahres an die Wahlurnen gerufen worden war.
Wir
bekommen die digitale Anzeigentafel gezeigt, auf der man auf einen
Blick erkennen kann, wer von den Abgeordneten sich gerade in der Knesset
aufhält. Die Abgeordneten, deren Fotos schwarz-weiß erscheinen, sind
abwesend. Wer farbig zu sehen ist, ist anwesend. Keine schlechte Idee,
finde ich. Die Klage über Abgeordnete, die den Parlamentssitzungen fern
bleiben, wird auch bei uns immer wieder erhoben. Die
Knesset-Anwesenheitstafel könne man nicht nur hier im Parlamentsgebäude
sehen, sondern auch im Internet aufrufen, erfahren wir. Ich schaue nach.
Tatsächlich: Hier
ist der Link, der zur Anzeigentafel führt. Wir nehmen in den Sesseln
eines Konferenzraumes Platz und bekommen das Ausschusswesen erläutert.
Leider kann ich nicht so ganz folgen. Die Sessel sind einfach zu bequem
und ich bin viel zu müde. Ich nicke ein und schrecke erst wieder auf, als
die Gruppe sich anschickt, den Raum wieder zu verlassen. Wir gehen
weiter Richtung State Hall. Auf dem Gang fällt mir ein Hinweisschild
auf: Diary Cafeteria, die "milchige" Cafeteria.
Die jüdischen Speisegebote lassen grüßen! Mit
getrennten Cafeterien für Milchiges und Fleischiges kommt man so leicht
nicht in Versuchung, einen zentralen Grundsatz koscherer
Speisenzubereitung zu missachten: "Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen" (Ex. 23, 19). Vegetarier*innen und Veganer*innen sind deshalb sowieso fein raus.
Die State Hall ist
ein höchst beeindruckender Raum, der für Empfänge und andere
offiziell-feierliche Anlässe genutzt wird. Schlicht, im sachlichen Stil
der sechziger Jahr gehalten, wird die Halle dominiert von drei
überdimensionalen farbigen Wandteppichen. Marc Chagall hat sie
entworfen, ebenso wie die Bodenmosaiken. Gerne würde ich diese Kunstwerke länger bestaunen und darüber meditieren.
Chagall
hat sie alle miteinander versammelt: Das alte und das neue Israel.
Abraham und Isaak auf dem Berg Moria, Jakob und die Himmelsleiter, Mose
am Horeb,
Aaron, König David, Harfe spielend, Jesaja und seine Vision vom
Tierfrieden. Sie alle sind hier zusammen gedacht und zusammen
gebracht: Die Toten und die Überlebenden der Progrome und der Shoah, die
Verlorenen und die nach Zion Heimkehrende.
Der Teppich, der schöne schlichte, helle Raum wecken eine stille, tiefe Freude in mir.
"Die mit Tränen säen, werden mit Freunden ernten". Psalm 126, 5
Im
Bereich der State Hall ausgestellt ist eine Replik der israelischen
Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948, dem Tag der Staatsgründung.
Den Wortlaut des Textes habe ich hier verlinkt. Es lohnt sich, diese Worte einmal in Ruhe zu lesen und auf sich wirken zu lassen.
Vor dem Parlamentsgebäude steht die berühmte Knesset-Menorah.
Geschaffen von dem aus Dortmund stammenden Künstler Benno Elkan in den
Jahren 1949 - 1956. Die ca. fünf Meter hohe Bronzestatue vereint,
ähnlich wie Chagalls Wandteppich-Tryptichon, die Figuren jüdischer
Geschichte in einem Kunstwerk.
Silke erläuter uns die verschiedenen Abbildungen, bzw. leitet uns dazu an, möglichst viel selbst zu entdecken.
Nach
einer Mittagspause in einem modernen Einkaufszentrum, wo uns
vielfältige Verköstigungsmöglichkeiten offen stehen, fahren wir nach Yad
Vashem.
Vor
diesem Besuch habe ich, wie vermutlich alle aus unserer Gruppe, sehr
großen Respekt. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind die Berichte
meiner Eltern von ihrem ersten Besuch hier hörte.
Yad Vashem, das bedeutet wortwörtlich "Denkmal und Name". Der Name dieses Ortes erinnert an Jesaja 56, 5: „Ihnen
allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich
gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen
ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“
Beklommen
betreten wir das Gelände. Die weltberühmte Gedenk-, Forschungs- und
Dokumentationsstätte empfängt ihre Gäste, auch uns, mit einem Gang durch die
Allee der Gerechten.
Mit den "Gerechten unter den Völkern" sind
nichtjüdische Personen und
Organisationen gemeint, die Juden vor den Nazis retteten und sich
dadurch zumeist selbst in Gefahr brachten. Die Namen dieser mutigen
Menschen und ihre Herkunftsländer sind neben den Bäumen auf Tafeln
festgehalten.
Ich
muss an die Fotos denken, die mein Vater Anfang der achtziger Jahre bei seiner ersten Israelreise
an diesem Ort fotografiert hat. Ich sehe mich als Zwölfjährige
im Dunkeln vor der Dialeinwand sitzen, die Bilder der seinerzeit noch
deutlich jüngeren Bäume betrachtend. Es schmerzte damals und es schmerzt
auch jetzt, wo ich selbst an diesen Bäumen entlang gehe, mir zu
vergegenwärtigen, dass von meinen Vorfahren niemand das Recht hätte,
hier einen Baum gepflanzt zu bekommen. Auch wenn aus meiner näheren
Verwandschaft, soweit ich das überblicken kann, niemand aktiv beteiligt
war an dem mörderischen Treiben.
Darf ich so etwas überhaupt empfinden?
Ein solches Bedauern? Ich, die ich nichts anderes kenne, als ein Leben in Frieden und
Sicherheit?
Und:
stimmt das überhaupt, was ich jahrzehntelang gedacht habe? Dass von
meiner Familie niemand aktiv beteiligt war? Einer meiner Großväter ist
1944 gefallen, als einfacher Soldat im Kampf um Budapest, einem der
großen Rückzugsgefechte. Was hat er alles gesehen und erlebt an der Front im Osten?
Was war in den Jahren, bevor er eingezogen wurde? Was konnte jemand wie er, ein
junger ehrgeiziger Rangiermeister der Reichsbahn, über die Viehwagons wissen,
mit denen die Todgeweihten transportiert wurden? Hat er wirklich nichts gewusst?
Im
Hauptgebäude von Yad Vashem angekommen, beim Händewaschen, auf der
Damentoilette, vor dem Rundgang, spricht mich eine junge asiatisch
aussehende Frau an. Sie fragt mich, ob ich Jüdin sein. "Nein", antworte ich. "Welche
Nationalität denn dann?" "Ich bin Deutsche", sage ich. Die junge Asiatin schaut mich an.
Erschrocken ein wenig, aber irgendwie, ja, auch fasziniert. Ich fühle
mich unbehaglich. Sie würde mich sehr nett finden, sagt sie. Ob sie mich
etwas fragen können. Ja, das darf sie. "Was haben Ihre Großeltern
gemacht, damals?"
Wir
gehen miteinander die Treppe hoch, Richtung Ausstellung. Ich erfahre,
dass sie Koreanerin ist und mit einer studentischen Reisegruppe
unterwegs.
Was antworte ich dieser jungen Frau?
Es ist mir nicht recht, dass sie mich so anspricht. Mir ist nicht nach Reden zumute, nicht an diesem Ort.
Aber
ich fühle mich verpflichtete, mich dieser Zufallsbegegnung zu stellen.
Wenigstens das kann ich tun. Muss ich tun: Rede und Antwort stehen. Soweit mir das möglich ist.
Wie
wirkt das hier alles auf diese junge Frau, deren Wurzeln vermutlich
überhaupt nichts zu tun haben werden mit all dem, was hier so bedrückend
gegenwärtig ist?
Ich
gebe Auskunft. Erzähle der fremden jungen Frau von meinem
Reichsbahn-Großvater, für den die Bezeichnung "Großvater" nie gepasst
hat. Wie kann jemand, der mit Anfang dreißig gestorben ist, ernsthaft
"Großvater" genannt werden? Die Rolle der deutschen Eisenbahn als das
Transportmitteln in den Tod ist offensichtlich. Ohne Reichsbahn(er)
keine Deportation. Aber kann man daraus schließen, dass der Vater meiner
Mutter, dieser junge Kerl, wusste, was los war?
Aber geahnt haben müssen sie alle etwas davon.
Mindestens das.
Weniger lasse ich ihnen nicht durch gehen.
Auch wenn ich, ja, klar, ich weiß, nicht an ihrer Stelle stehen musste.
Die
junge Koreanerin hört sehr aufmerksam zu. Auch, als ich von dem anderen
Großvater erzähle. Den ich noch selbst kennen gelernt gelernt und lieb
gehabt habe. Dieser Großvater war im zweiten Weltkrieg freigestellt vom
Wehrdienst, weil er Landwirt war und vermutlich auch aus
gesundheitlichen Gründen. Dafür musste er in einer Munitionsfabrik
arbeiten. Und hatte dabei Kontakt zu sogenannten "Fremdarbeitern". Denen
habe er jeden Tag Butterbrote mitgenommen, hat mir meine Oma erzählt.
Immerhin etwas. Aber es ändert nichts daran, dass auch sie, meine väterlichen Großeltern Schweigende waren.
Die
junge Koreanerin möchte mehr wissen, fragt nach. Aber ich mag nicht
mehr weiter reden und vertröste sie auf einen möglichen
Facebook-Kontakt. Der sich, wie sich später herausgestellen wird, nicht
ergeben wird. Auch wenn ich ihr auf irgendeine abgelaufene
Eintrittskarte meinen Namen schreibe, damit sei mich finden kann im
Netz. Die junge Frau bedankt sich sehr herzlich bei mir, wir
verabschieden uns voneinander und gehen unserer Wege.
"Wer Gottes Volk antastet, der tastet meinen Augapfel an"
(nach Sacharja 2, 12) soll mein Landwirt-Großvater gesagt haben. Das
weiß ich von meinem Vater. Mein Großvater war ein frommer Mann, der
seine Bibel kannte und liebte. Aber wie viele andere fromme
Vereinshaus-Christen hat er das leider nur sehr leise gesagt.
Endlich allein, gehe ich durch die Ausstellung. Es fällt mir schwer, mich einzulassen.
Ich hätte gerne mehr Zeit. Fühle mich gestresst durch die Verpflichtung, die Uhr im Auge zu behalten.
Ich entscheide mich dafür, mir ein Zeitzeugen-Video anzuschauen über die Todesmärsche.
Das
Video zeigt einen alten Mann, der von seinen Erinnerungen berichtet. Bilder von damals
werden eingeblendet. Der alte Mann spricht Ivrit. Die Übersetzung ist
auf Englisch als Untertitel.
Ich
lese die englische Übersetzung und höre den alten Mann reden. Meine,
wenn auch rudimentären Bibelhebräisch-Kenntnisse, lassen immer wieder
einzelne Worte aufleuchten.
Eines dieser Worte ist das Wort "Schomer". "Schomer" ist mir vertraut aus Psalm 121.
Das Wort hat einen warmen Klang.
Das Wort erzählt von Geborgenheit, vom Aufgehoben-, vom Beschützt ein.
"Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele"
"Schomer",
immer wieder benutzt der alte Mann diesen Begriff.
Schlagartige wird mir das klar:
Er meint nicht
den "Schomer Jisrael".
Er meint - die KZ-Wächter.
Mir wird flau. Ich friere. Möchte weinen. Aber ich gestatte es mir nicht.
Nicht einmal die heiligen Worte haben sie in Ruhe gelassen.
Nicht einmal das.
![]() |
| Wachturm im KZ Majdanek, Polen |
Als
Gruppe sammeln wir uns am Ende unseres Rundgangs vor der "Halle der
Namen". In der "Halle der Namen" wird erinnert an jeden einzelnen, an
jede einzelne der von den Nazis ermordeten Jüdinnen und Juden.
In
den hohen, den unteren Teil der runden Wand füllenden Regalen stehen
Ordner. Je ein Ordner für einen Menschen. Hier ist akribisch alles
festgehalten, was noch herauszufinden war über das Schicksal der
Deportierten und Getöteten.
In
den Regalen ist noch reichlich Platz. Viele Regalbretter sind noch frei. Jedes
freie Regalbretter: eine stumme Klage. Aber eben, auch eine Form der Erinnerung.
Eine Lücke, die von denen erzählt, über die sich hier auf der Erde vielleicht nie mehr
wieder etwas in Erfahrung bringen lässt.
Für
sie alle, für die, deren Geschichte in Ordnern gesichert werden konnte
und für die, an deren Namen sich kein Mensch mehr erinnert gilt die
Verheißung aus Jesaja 56, 5:
„Ihnen
allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich
gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen
ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“
Ein Besuch steht noch aus.
Ein Besuch, den ich sehr fürchte: Den Gedenkort für die ermordenten Kinder.
Bin ich erleichtert, als wir feststellen: Wir sind schon zu spät? Der Zugang ist bereits abgeschlossen.
Auf
eine Art: Ja, ich bin erleichert. Und fühle mich feige dabei. Aber sollte ich je wieder nach Israel kommen, was sich
sehr hoffe, dann werde ich wieder kommen und den versäumten Besuch hier
nachholen. Auf jeden Fall.
Vor dem Eingang zur Gedenkstätte verweilen wir. Hier wird erinnert an Janus Korcak, den großen Pädagogen und Kinderarzt, der mit seinen Waisenhaus-Kindern in den Tod ging.
Am Ende unseres Besuches trägt Silke die "Todesfuge" von Paul Celan vor.
Es dämmert bereits, als wir Yad Vashem verlassen und zurück zum Hotel fahren.
Wir essen zu Abend. Es tut gut, zusammen zu sitzen, sich zu stärken und vor allem miteinander zu reden. Was für ein Tag war das!
Und er ist noch nicht zu Ende...
Gestärkt
durch das, wie immer reichhaltige Abendessen, bekommen wir Besuch von
Josef A. einem ultraorthodoxen Rabbiner. Nathan hat ihn irgendwo in
Jerusalem kennen gelernt, ganz zufällig bei einer alltäglichen
Besorgung. Rabbi Josef hat sich bereit erklärt, mit uns zu sprechen und
uns Einblick zu geben in seinen ultraorthodoxen Alltag und in seine Art,
zu leben und zu glauben.
Rabbi
Josef wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen mit seinem langen weißen
Bart und seinem dunklen unförmigen Anzug. Er spricht leise und
bedächtig.
Seine Familie habe praktisch schon immer in Jerusalem gelebt,
sagt er. Als die Römer 70 nach Christus die Juden aus der Stadt
vertrieben hätten, seinen dennoch einige jüdische Familien in der Stadt selbst oder im
näheren Umland wohnen geblieben, so auch ein Teil seiner Familie. Ein
anderer Zweig seiner Verwandschaft habe in Spanien gelebt und später in
der heutigen Türkei. Er verstünde sich selbst als arabischer Jude. Er
habe kein Problem mit den Arabern, im Gegenteil: Er habe durchaus auch
arabische Freunde.
Sicherlich, es gebe durchaus hier und da Schwierigkeiten im
Zusammenleben, aber wenn man als Jude nicht das Ziel haben "einen
Mercedes Benz zu fahren", dann hätte man als arabischer Jude durchaus die Chance,
mit den Arabern sehr gut klar zu kommen. Wenn alle so leben würden wir
er und die seinen, würde es den Nahost-Konflikt nicht geben. Davon ist Rabbi Josef fest überzeugt.
Wie die
meisten Ultraorthodoxen ist er nicht einverstanden mit der Existenz des
Staates Israel. Aus einem einzigen Grund: Weil es nicht der Messias war,
der ihn gegründet hat. Einzig dem Messias stünde es zu, Israel wieder
aufzurichten. Wenn Menschen eigenmächtig versuchen würden, das Werk des
Messias zu tun, käme es eben zu Problemen. Wie man unschwer erkennen
könne.
Mit leiser sanfter Stimme gibt uns Rabbi Josef Einblick in sein Weltbild. Ja, durchaus, nickt er, ja, er genieße den Schutz Israels, aber er könne sich genauso gut
vorstellen, unter einer palästinensischen Regierung zu leben.
Ihm
und seinen Glaubensgeschwistern komme es darauf an, Gottes Gebote zu
befolgen und auf den Messias zu warten. Alles andere interessiere sie
letztlich nicht. Es gehe auch nicht darum, andere zu missionieren oder
zu überzeugen und für ein Leben gemäß der Tora zu gewinnen. Dies sei
sogar eine heikle Angelegenheit, betont Rabbi Josef. Denn Gott richte
am Ende die Menschen auch danach, was sie gewusst hätten über seine
Gebote. Wer sich gut auskenne, dessen Verhalten würde strenger beurteilt
als das eines Unwissenden.
Nathan,
der das Gespräch moderiert, hakt nach. Offenbar misstraut er der
dargestellten Toleranz. Er fragt danach, was Rabbi Josef über sakular
lebende Jüdinnen und Juden denkt.
Damit ist die Frage eröffnet: Wer ist
überhaupt Jüdin oder Jude? Traditionell gilt: Wer von einer jüdischen
Mutter geboren wurde. Oder zum Judentum übergetreten ist. Das
Reformjudentum erkennt auch die väterliche Abstammung an. Der Staat
Israel, der jeder Jüdin, jedem Juden ein Einwanderungsrecht zugesteht, bezieht dabei
auch diejenigen ein, die vielleicht keine lückenlose jüdische Abstammung belegen, dafür aber nachweisen können, dass sie als Jüdinnen und Juden verfolgt worden sind.
Für Rabbi
Josef hingegen ist echtes Jüdisch sein zwingend verbunden mit einem
bewusst jüdisch-religiösen Leben. "Säkulare Juden" erkennt
er nicht an. Für Nathan ist das erkennbar starker Tobak, denn es betrifft ihn immerhin ganz persönlich. Aber, höflich wie er ist, bleibt er bei seiner moderierenden, offen-interessierten
Gesprächshaltung.
Im Gespräch kommen wir auf die Shoah
zu sprechen, kein Wunder: Eben noch waren wir in Yad Vashem und nun
sprechen wir mit einem Juden, der die Existenz des Staates Israel
ablehnt und in ihr die Wurzel des Nahost-Konflikts sieht.
Mit
leiser Stimme, aber ganz und gar unverblümt spricht Rabbi Josef aus,
was für ihn die Ursache für die Shoah ist (und damit für die massenhafte
Einwanderung von Jüdinnen und Juden nach dem zweiten Weltkrieg): Die
Shoah, sagt Rabbi Josef, sei nichts anderes als Gottes Strafe für die Assimilation, für die
Anpassung der Jüdinnen und Juden an die Lebensweise der anderen
Völker.
Mir bleibt die Luft weg, auch wenn mir diese ultraothodoxe Sichtweise aus den Büchern von Debora Feldmann bereits bekannt ist.
So
langsam streikt mein Gehirn. Das war ein langer Tag. Den anderen geht
es ähnlich, man sieht es uns an, wie müde wir alle sind. Und doch:
Als
Rabbi Josef sich verabschiedet hat, können wir nicht anders, wir müssen
noch reden. Empörung auf der einen Seite: Wie kann man behaupten, die
Shoah sei eine Strafe Gottes für sein angeblich abtrünniges Volk?! Auf
der anderen Seite sind manche von uns durchaus beeindruckt von seiner sanften
Art zu sprechen und seiner defensiv-bescheiden anmutenden Haltung.
Nathan ist unzufrieden mit unserer Fragerunde: "Da war ein Elefant im Raum", sagt er.
"Ein Thema, das niemand gewagt hat, anzuschneiden. Nämlich die Frage:
Was wird geschehen, wenn, Ihr, Rabbi Josef, die ultraorthodoxe jüdische
Bevölkerung, die Mehrheit in Israel stellt?"
Nicht
nur Nathan befürchtet diese Entwicklung. Wie ihm geht es vielen, vor
allem den säkularen Israelis. Denn der Bevölkerungsanteil der
Ultraorthodoxen wächst kontinuierulich.
Was
Nathan außerdem für hochgradig unehrlich hält: Die behauptete tolerante Haltung von Rabbi Josef gegenüber denen, die die Gebote seiner Meinung nach nicht erfüllen. Er habe das Gespräch
nicht dominieren wollen, gibt Nathan zu verstehen. Aber: Von wegen - den
Glaubensgenoss*innen keine Vorschriften machen wollen, um sie zu
schonen vor einem allzu strengen Gericht Gottes! Es gebe in der
ultraorthoxen Szene durchaus Druck auf andere, die religiösen Regeln
einzuhalten. So gehe z.B. kurz vor Beginn des Schabbat jemand mit einem
Schofarhorn über den jüdischen Markt und scheuche Kunden und Händler
hinaus.
Unsere
Zusammenkunft löst sich auf. Ich ziehe mich zurück in mein Hotelzimmer und betrachte die
Karte, die mir Rabbi Josef gegeben hat. Ich hatte ihn um ein Foto gebeten für meinen Blog. Er war einverstanden unter der Bedingung, dass dieses
Erinnerungsfoto mit seinem Handy aufgenommen wird. Ich solle ihm
eine E-Mail schreiben, wenn ich wieder zuhause sei, dann könne er mir
das Foto für meinen Blog zuschicken. Das Foto schickt er dann aber doch
noch am gleichen Abend über Nathans Handy.
Als ich die Visitenkarte umdrehe, sehe ich, dass Rabbi Josef hier einen Psalmvers zitiert, den auch ich sehr liebe: "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg." Psalm 119, 105.
Halb komatös vor Müdigkeit und maximal verwirrt lege ich mich schlafen.
Wer nach Klarheit sucht, wer eindeutige Antworten wünscht,
sollte überall hinreisen.
Aber besser nicht hierher,
in dieses verrückte und trotz allem doch so unglaublich liebenswerte Land!





















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